Dienstag, 21. April 2015

Graugänse am Bodensee - Zuwanderer aus dem hohen Norden



Auf dem Bodanrück zwischen Überlingersee und Untersee gibt es im Wald mehrere kleine Weiher. Kürzlich wollte ich die Stille des langsam grün werdenden Waldes genießen, den Duft des frischen Mooses erschnuppern und den Spechten beim Klopfen zuhören. Sehr idyllisch ist das Dingelsdorfer Ried, mitten im Wald gelegen lädt es in jeder Jahreszeit zu einem Besuch ein.
Nicht schlecht gestaunt habe ich, als ich dort Graugänse entdeckte.

Aus Graugänse im Dingelsdorfer Ried

Diese Tiere überwintern normalerweise am Bodensee. Im Markelfinger Winkel, am Untersee, wurden in diesem Winter über 300 Tiere gezählt. Die meisten haben sich Mitte Februar wieder auf die Reise in ihre Brutgebiete im hohen Norden gemacht. Einige der Wintergäste haben es allerdings vorgezogen sich die Reise zu ersparen und sich am schönen Bodensee nieder zu lassen, um ihre Brut hier groß zu ziehen. Es gibt so viele Zuwanderer am See, meist zweibeinig und ohne Federkleid, sodaß mir Graugänse, mit dem schönen lateinischen Namen Anser anser, doch die Liebsten sind.

Aus Graugänse im Dingelsdorfer Ried

Im dichten Riedgras nicht unbedingt einfach zu entdecken, konnte ich drei Gänsepaare ausmachen, die auf den kleinen Schilfinseln der drei Weiher des Dingeldorfer Rieds brüteten.
Was für eine aufregende Beobachtung! Bei dem fremdartigen Geschnatter der Zuwanderer aus dem hohen Norden, war das Klopfen der heimischen Spechte natürlich schnell vergessen.

Aus Graugänse im Dingelsdorfer Ried

Graugänse können bis zu 40 Jahre alt werden und sind meist ab dem dritten Lebensjahr geschlechtsreif. Die jungen Paare bilden sich aber schon im ersten Lebensjahr und verbringen zwei Jahre sozusagen als Verlobte. Die Paare sind sich ein Leben lang treu, stirbt einer der Partner, so bleibt der andere meist bis an sein Lebensende alleine.

Aus Graugänse im Dingelsdorfer Ried

Auf so engem Raum gibt es natürlich Revierkämpfe. Die Ganter selbst brüten nicht, aber sie verteidigen die brütende Partnerin und das Gelege rigeros.
Bei diesen Revierkämpfen kann man wunderbar die immense Flügelspannweite von ungefähr 160-165 cm, dieser Vögel erkennen.


Graugansgelege haben im Schnitt fünf Eier. Die Pulli, so nennt man die kleinen Gössel im ersten Dunenkleid, sind Nestflüchter, sie fallen nach ungefähr 28-29 Tagen Brutzeit aus ( dem Nest ). Beginn der Brutzeit ist meist Anfang April. Ich wollte natürlich unbedingt die Graugänse mit Pulli photographieren und plante einen weiteren Besuch im Ried für Ende des Monats ein.
Natürlich ließ mir das herrliche Naturschauspiel keine Ruhe und so radelte ich vier Tage später wieder zu den kleinen Waldseen und ich hatte einen guten Riecher!
Ein Gänsepaar hatte inzwischen Nachwuchs bekommen und führte seine Pulli stolz vor.

Aus Graugänse im Dingelsdorfer Ried

Wichtig für das Überleben in den ersten Lebenstagen ist eine gute Deckung, denn die frischgeschlüpften Pulli, suchen sich sofort nach dem Ausfallen ihre Nahrung, in enger Begleitung der Eltern, selbst. Die niedlichen kleinen gelben Dunenküken hängen am Hintern ihrer Mutter, als würden sie von einem Magneten gezogen und sie sind, für ihr kurzes Dasein in dieser, für kleine Pulli so gefährlichen Welt, schon erstaunlich schnell. Fliegen werden sie erst in acht bis zehn Wochen können, ich bin einmal gespannt wieviele den diesen Tag erleben werden!


Natürlich werde ich wieder davon berichten, schließlich bin ich total angetan, von meinen ersten, in freier Wildbahn, entdeckten Gänseschar. Auch wenn diese Tiere nicht zur heimischen Fauna gehören, finde ich sie, im Gegensatz zu anderen zweibeingen Zuwanderern, eine Bereicherung der Welt am herrlichen Bodensee.

Aus Graugänse im Dingelsdorfer Ried

Abendliches Update:
Natürlich bin ich heute nachmittag wieder zu den idyllischen Weihern geradelt. ;-)
Es waren auch heute sechs Graugänse zu beobachten. Zwei Paare sind jetzt mit je fünf munteren Pulli im Schlepptau unterwegs. Also keine Ausfälle zu bedauern, sondern noch Zuwachs zu erleben, wie schön! Das dritte Paar ist ohne Nachwuchs, sie scheinen also nur verlobt zu sein. Und ich war mir so sicher daß ich drei brütende Gänse gesehen hätte. Die Nester waren gut erkennbar und mit Nestdunen weich ausgepolstert. Diese speziellen Federn wachsen den Gänsen vor der Brutzeit und fallen kurz vor der Fertigstellung des Geleges aus. Die schon etwas älteren Pulli grasen inzwischen auf der nahegelegenen Wiese, auf der bald Highland-Rinder weiden werden. Es ist also bei den Graugänsen im Dingeldorfer Ried alles so wie es sein sollte.



Kommentare:

...und neugierig bleiben - oder ?? hat gesagt…

....oooh - welch herrliche Fotos, besonders das erste von dem Weiher - der Wahnsinn ! Liebe Juana - du bringst immer wieder die Leserschaft zum staunen, nicht nur mich - danke ! Und weil ich Gänse besonders mag, gefallen mir deine neuesten Beobachtungen besonders. Manchmal fliegen welche über meinen Garten zur nahen Talsperre...ich dachte schon, sie landen mal in meinem Pool - ich tät sie nicht verjagen....
Das wunderschöne Wetter lockt uns alle in die Botanik - ich hab heute mein erstes richtiges Sonnenbad genommen....herrlich !
Ganz liebe Grüße aus der Ferne von mir!
Rebekka

Juana Seekoenigin hat gesagt…

Guten Morgen Rebekka,

nirgendwo sonst in der Umgebung spiegelt sich der Wald und der Himmel so klar wie im Dingeldorfer Ried. Ich hab nur das Photo geschossen, der wahre Künstler ist die Natur.

Graugänse kenne ich nur aus dem zoologischen Garten. In freier Natur war dies meine persönliche Erstbeobachtung, sonst wäre ich wahrscheinlich nicht so angetan.
Natürlich sind all diese "Fremden", wie zum Beispiel Grau-, Nil- und Rostgänse, hübsch anzusehen und die Fauna bereichernd. Noch.
Bei invasiven Spezies wie Körbchen- und Dreikantmuscheln oder den Kamberkrebsen ( ich berichtete schon darüber ) wurden aber mittlerweile die heimischen Arten so gut wie verdrängt. Auch in der Pflanzenwelt finden sich immer mehr Neophyten, manche sind harmlos, manche vermehren sich so stark daß sie die einheimische Flora verdrängen.

Man muß damit leben: die Natur verändert sich, beziehungsweise. sie wird verändert.

Nach Sonnenbaden steht mir der Sinn noch gar nicht, mich zieht es derzeit hinaus in die Wälder. Der See ist gerade mal 10° warm und das Mitte April! Und bei der Wetterlage für die nächste Woche wird das wohl auch noch ein Weilchen so bleiben. In den letzten Jahren bin ich doch meist schon im März ins kalte Wasser des Sees getaucht, in diesem Jahr verspüre ich dazu keine Lust.

Wie auch immer, genießen wir die letzten sonnigen Tage, bevor das Wetter umschlägt - sie arbeiten stet und fleißig daran, jeden Morgen werde ich von dicken, fetten in parallelen Linien geflogenen Streifen begrüßt, welche mit aller Deutlichkeit aufzeigen, mit welchen Mitteln unsere Natur gewalttätig verändert wird. Und ich frage mich wirklich wie es sein kann, daß eine perverse und bestialische Minderheit dem Schöpfer derart ungestraft ins Handwerk pfuschen kann!

So grüß ich Dich herzlich zurück und wünsche Dir einen wunderbaren Tag.

Juana